Autoren-Adventskalender – Mein “Türchen”

Wer Tiere liebt, kennt den Schmerz des Todes. Ist Weihnachten nicht die perfekte Zeit, für eine Wiederkehr? Öffne das Adventstürchen und lies, wie es Lola, Bernd und Ronni ergangen ist…

Ein Traum ist groß

„Jetzt sag doch: Wünschst du dir weiblichen oder lieber männlichen Familienzuwachs?“ Selbst das herrliche Urlaubswetter von Andalusien vermochte nicht, Lola von ihren Träumen abzulenken.
Bernd konnte ihrem hoffnungsvollen Lächeln nicht widerstehen. „Ist das nicht egal? Hauptsache gesund und munter!“
Sie küsste ihn. „Aber groß soll er werden und stark!“, fügte sie hinzu.
Er nahm liebevoll ihre Hand. Mit ernster Miene zog er Lola zu sich heran. „Schatz, wir haben nun schon oft genug darüber diskutiert – du wünschst dir einen Hovawart, aber ein kleiner Hund wäre für uns wirklich besser.“
Immer zog Lola die Nase kraus, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Diesmal zeigten sich Berge von Protestfalten. Lola holte Luft. „Unser Letzter war auch nicht gerade ein Riese. Es sind seit Ronnies Tod Jahre vergangen. Mir ist es wichtig, dass ich jetzt einen Hund von Größe neben mir weiß!“
Bernd überlegte kurz. „Nun gut, einverstanden, einen Hund mit Größe, den sollst du bekommen.“ Er grinste entspannt, denn er hatte eine Lösung.
Kleine, wachsame Yorkshire-Terrier erreichten vielleicht nur 20 cm Schultermaß, aber charakterlich gesehen waren sie seiner Meinung nach die Größten.

 

Ronnies Wiederkehr

In meinem letzten Leben bin ich aus tiefster Überzeugung dem Hundismus beigetreten. Ich war glücklich, und das hätte ewig so weiter gehen können – doch ich bekam Besuch vom Tod, der sich höflich vorankündigte. Mir blieben noch zwölf Tage. Die musste ich nutzen.
Man sagt, auf gläubige Hundisten wartet im Himmel die Göttin Sheeba. Sie erhebt die gestorbenen Seelen in eine goldene, vollendet schöne Ewigkeit. Oder den Verstorbenen erwartet dort unter bestimmten Umständen eine Wiedergeburt. Interessant! In meinen Augen war mein Job auf der Erde noch nicht erledigt. Ich hoffte daher auf Option zwei. Egal wie. Doch wie konnte ich die Göttin auf mich aufmerksam machen? Wie einen Kontakt herstellen?
Zunächst übte ich das Beten. Dreimal täglich saß ich regungslos, mit verklärtem Blick und hielt einfach mal die Schnauze. Keine Reaktion. Vielleicht stand sie auf Yoga-Techniken? In den kommenden Tagen legte mich auf dem Rücken und zeigte meine Demut durch tiefes Ein- und Ausatmen. Mein Bauch hob und senkte sich, das Zwerchfell zitterte. Alles zitterte. Der gesamte Rest des Körpers machte langsam schlapp. Wahrscheinlich bot ich einen Anblick zum Erbarmen. Doch immer noch keine Antwort von Sheeba. Ein Tag ohne Wasser, das würde sie bestimmt bemerken. Nichts. Keine Reaktion.. Nach elf Tagen Gottes-Bemühung war ich am Ende. Da hatte ich eine Idee: Göttin Sheeba war eine Frau, und Frauen naschen gerne. Konnte ich sie damit beeindrucken? Ich raffte mich mit letzter Kraft auf und stapelte alle erreichbaren Leckereien, um sie darzubieten. War das gut? Ich war zeit meines Lebens nie aggressiv oder habe um mich gebissen. Aber jetzt wäre ich bereit gewesen, mit allen Mitteln um einen Platz im Himmel zu kämpfen.
Endlich: In der letzten Nacht hatte ich eine Erscheinung. Die göttliche Sheeba setzte sich mit strahlend hellem Schein direkt vor mich hin. Ihre glänzende Gestalt ließ mich vor Erstaunen langsamer atmen. Die sechs Gliedmaßen, der blonde Langhaarschwanz und der hundeähnlicher Kopf bewegten sich wie ein Palmwedel im Wind hin und her. Ihre Schönheit zog mich magisch in ihren Bann. Meine Lebenskraft ließ nach, ich erschlaffte. Sheeba sprach die erlösenden drei Worte: „Du darfst kommen.“ Ich hörte auf zu atmen und meine Seele trennte sich.

*

„Der Nächste bitte!“ Das Gedrängel erinnerte mich an endlose Schlangen des aktuellen Blockbusters vor unserem heimischen Kino. Im Himmel bekam jeder zwar eine Eintrittskarte, doch wo war mein Platz. Schon in der Schule wollte ich immer vorne sitzen, um hautnah am Geschehen zu sein. Was würde mich erwarten? Weit vor mir öffnete und schloss sich im Minutentakt ein Tor. Außergewöhnlich war die Klappe im unteren Bereich. Katzen- oder kleine Hundeseelen schlüpften hier hindurch und brauchten sich nicht mit der Klinke abzumühen.
„Hallo, zügig weitergehen, nicht einschlafen da vorne!“
Die Stimme hatte einen unangenehm schnarrenden und nicht immer gut zu verstehenden Lautsprechercharakter. Gab es hier irgendwo eine versteckte Kamera? Meinten die sogar mich? Ich hörte auf, mich umzusehen und reihte mich ein. Ich war noch 126 Seelen von dem Kartenschalter zur Himmelspforte entfernt. Da wurde das Licht gedimmt.
„Feierabend für heute. Morgen um sechs Uhr geht es weiter. Frühstück fällt aus. Ha Ha.“ Sehr lustig.
Wir machten es uns auf diversen Wolkenformationen gemütlich. Ich hatte Lust auf Smalltalk. Auf meine gestellte Frage Wer warst du vorher? bekam ich nicht immer eine erschöpfende Auskunft. Seelen können so sensibel sein! Scheinbar waren nicht alle freiwillig hier und hatten damit ein echtes Problem.

*

Lautes Knacken, Lautsprecherrauschen und das grelle Licht wie von einem Fußballstadion holten mich aus meinen Träumen. Ich war schneller auf den Beinen als andere, links stand ein kleines Zelt, bunt wie ein Zirkuswagen. Als ich an der Reihe war, schaute eine Gestalt unschätzbaren Alters heraus und winkte mir zu. „Woher kommst du?“
„Aus Deutschland“,.
„Aha. Made in Germany“, der Typ grinste.
„Himmelsgold oder Wiedergeburt?“
„Wiedergeburt.“
„Nun, wir werden sehen. Nach dem Tor erster Gang links. Bitte die Papiere ausfüllen und dort abgeben.“
Mir wurde ein Formular auf einem schwarzen Klemmbrett mit Kuli übergeben – und das Tor öffnete sich. In meinem irdischen Leben bin ich einmal in eine frisch renovierte Wohnung eingezogen. Und dieser Eindruck erwartete mich hier: Der Boden strahlte in hellem Laminat und die Wände waren weiß. Weißer geht’s nicht. Alles klinisch rein. Um nicht zu sagen: Ungemütlich. Früher hätte ich vor Aufregung eine trockene Nase bekommen. Entfällt, Seele sein kann Vorteile haben. Die Fragen waren leicht und daher schnell ausgefüllt.

Früherer Name: Ronni, genannt Ronnemann
Tier: Hund
Rasse: Sheltie, tricolour
Familie: Lola und Bernd in Maintal
Kinder der Familie: Florian, heute erwachsen.
Probleme in der Familie: Lola braucht Bekleidung, nein, Begleitung.
Sorry, das macht die Aufregung.
Grund: Sie kann ohne mich nicht leben. Wird trübsinnig.
Deutlicher: Lola braucht Hundebegleitung. Aber nicht irgendjemand, sondern
MICH. Ich bin zu früh gestorben. Sie war noch nicht so weit, ohne Hund klar zu
kommen.
Antrag auf Himmelsgold oder Wiedergeburt:
Wiedergeburt!!! Und zwar zack zack! Ich muss zurück. So schnell es geht!

Ich war mit meinem Antrag zufrieden, hinterließ meinen Pfotenabdruck als originale Unterschrift, klemmte die Papiere wieder unter die Spange des Brettes und machte mich auf den Weg.
Die Gänge waren übersichtlich. Die dahinter liegenden Türen waren bezeichnet mit Wiederkehrer (einfach), Wiederkehrer (mehrfach), Himmelsstürmer (Probephase), Himmelsstürmer (Bronze, Silber, Gold). Ich suchte den ersten Gang links, das war nicht schwer zu finden. Die Tür, die mich erwartete, war unspektakulär. Kein Name. Kein Begriff. War ich hier wirklich richtig? Ich kratzte.
“Herein.”
“Guten Tag, Ronnemann, ich bin hier, um einen Antrag auf Wiedergeburt zu
stellen.”
“Setzen.”
„Wohin?“
“Was soll die Frage! Früher haben Sie auch auf dem Hintern gesessen. Also:
Platz!”
Ich übergab dem Himmelswärter zuvor meine Unterlagen.
“Hm. Antrag auf Wiedergeburt. So, so. Ihr Frauchen braucht sie. Hm.”
Ich nickte mehrfach.
“Das höre ich immer wieder. Ist nichts Besonderes. Außerdem ist der Fahrstuhl
nach unten gerade defekt.”
“Egal, ich warte, auch wenn es noch ein paar Jahre dauern sollte”

*

„Ein frischer Platz für eine Hundeseele in Maintal ist freigeworden. Genau in Dörnigheim, wie gewünscht.“
„Es muss aber bei Lola und Bernd sein, sonst bleibe ich weiter hier“, verlangte
ich schnippisch, denn auf halbe Sachen hatte ich keine Lust.
„Die diskutieren noch.“
„WAS tun die?“ Ich konnte es nicht fassen.
„Ihre Lola besteht auf einem großen Hund, möglichst einem Hovawart, und der Mann, nun, sagen wir, er hat andere Vorstellungen.“
„Es ist mir egal. Ich nehme die Stelle.“ Ich konnte es kaum erwarten!
„Dann darf ich Ihnen zu Ihrer überaus großen Freude eröffnen: Ihre Seele bekommt als Körper einen kleinen Yorkshire-Terrier zur Verfügung gestellt.“
Ich brach innerlich zusammen. Ausgerechnet so ein kleines, kläffendes Monster
auf vier Pfoten!
„Muss das denn sein? Ich meine, kann man denn da keinen Kompromiss eingehen?“
„Darf ich Sie daran erinnern, Ronnemann, dass Sie früher auf diese kleinen
Hunde abfällig herabsahen und Ratte an der Leine dazu sagten?“
Ich senkte betreten den Kopf.
„Alle Wiederkehrer haben mindestens einen Auftrag. Sie haben sogar zwei. Der
eine lautet, Bernd und Lola glücklich zu machen. Der andere zu lernen, Ihren
früheren Hochmut abzulegen. Ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“
Der Stempel krachte auf das Papier. Mir wurde das heiß ersehnte Ticket zur Erde in die Pfote gedrückt. Ein enormer Sog erfasste mich, und mir schwanden die Sinne.

*

Sonnenstrahlen kitzelten mich an der Nase und reizten zum Niesen. Ein lebendiges Gefühl! Ich erwachte als kleiner Welpe in einem Weidenkörbchen bei einer gut gelaunten Züchterin.
Hörte ich richtig? Besuch aus Maintal? Ich rollte mich zusammen.
Und seufzte tief – und glücklich.

 

Ich hoffe, Ihnen hat meine kleine Geschichte gefallen und wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein wunderschönes und glückliches Weihnachtsfest. Und wenn Sie noch ein schönes Geschenk für Ihre Lieben suchen – wie wäre es denn mit einem Buch von mir?! 😉

Ihre Carola S. Ossig

 

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